Angsthund – Erfahrungsbericht

Wenn du mit Hunden aufgewachsen bist und dich jemand fragt ob du dich mit Hunden auskennst antwortest du wahrscheinlich mit „Ja“. Bevor ich meine Hündin aus dem spanischen Tierschutz bekommen habe, hätte ich das auch getan.

Jetzt ist mir klar: Hunde die mit Menschen aufwachsen passen ihr Sozialverhalten an und nehmen uns unsere Eigenarten meistens nicht krumm. Das Zusammenleben funktioniert also FAST einwandfrei. Rückblickend fällt mir aber selbst bei unseren sanften Scottish Deerhounds und bei den Hunden von Bekannten auf, das Probleme darauf zurückzuführen sind, weil wir uns mit dem Konzept des Rudelführers nicht auseinandersetzen. 

Wenn der Hund der Rudelführer ist

Auf einem Spaziergang traf ich eine Besitzerin von einem Yorkshire Terrier. Ich wunderte mich über ihren Verband an der Hand und fragte was sie denn gemacht hätte.  Sie erzählte, dass sie sich auf das Sofa setzen wollte und ihr Hund mal wieder nach ihr geschnappt hat. Sie verstand das nicht richtig, weil er die meiste Zeit der liebste Hund der Welt ist. Hat sie einen kleinen unberechenbaren Hund? Natürlich nicht. Ihr Hund wendet nur die Regeln der Hundewelt an. Er ist ganz klar der Chef im Haus (Rudelführer) und darf demnach auch Distanz von ihr einfordern und hat ein Vorrecht auf die begehrte Ressource Sofa. Er hat in seinem Verständnis also gar nichts falsch gemacht und das schnappen war nur eine Korrektur seinerseits. 

Kommt dir das bekannt vor ?

Vielleicht kennst du auch das Phänomen, dass dein Hund ein Vorbild auf dem Hundeplatz ist, aber Zuhause macht was er will? Das du ihn rufst und er nicht kommt oder aber er hört recht zuverlässig, nur in Gefahrensituation kommt er nicht? 

Es liegt daran, dass wir Menschen unabsichtlich unseren Hund zum Rudelführer machen, indem wir ihn ein Vorrecht darauf geben als erstes den Besuch im Empfang zunehmen, als erstes durch die Tür zu gehen, vorne zu laufen usw. usw. 

Wenn unsere Hunde hören, obwohl wir ihnen ein Vorrecht auf alles geben, tun sie es, weil sie uns gerade einen Gefallen leisten wollen, weil sie gerade nichts Besseres zu tun haben, weil wir vielleicht ein Leckerli haben könnten oder weil sie keine Lust auf Stress mit uns haben. Solange dein Hund dein Rudelführer ist, wird er nie zuverlässig hören und wenn dein Hund von Natur aus dominant ist wird es zu Problemen führen. Der Rudelführer entscheidet in Gefahrensituationen wie zu reagieren ist. Deswegen kommen viele Hunde gerade in Gefahrensituationen nicht. Sie nehmen es an deiner Intensität und an deiner Stimme wahr und müssen als Rudelführer sich erst einmal selbst ein Bild von der Gefahr machen. 

Respektiert dich dein Hund als Rudelführer, wird er ohne zu zögern dir sofort auf dem Sofa Platz machen und auf deinen Ruf/Pfiff reagieren.

Vergleich Rudelführer – nicht Rudelführer

Am Beispiel meiner Hündin möchte ich dir verdeutlichen, welche Auswirkungen es hat NICHT die Position des Rudelführers zu übernehmen. Meine Hündin hat sechs Jahre auf der Straße gelebt. Meine Hündin war wie eine scheue Katze, die sich nur von mir anfassen lies. Sie hatte große Angst vor Menschen und bekam Panik in der Gegenwart von Männern. 

Ihr Verhalten wich total von dem Verhalten ab, dass wir von Hunden kennen, die mit Menschen aufgewachsen sind (Verhalten beschrieben im Post: Brauchen ängstliche Hunde einen konsequenten Rudelführer). Um hier ein paar Beispiele zu nennen, sie lief nie vor mir, versteckte sich hinter mir, wenn fremde Menschen da waren oder Hunde auf sie zukamen, lies ihren Knochen sofort fallen, wenn ich zu nah war.

Als mein Hund Rudelführer war

Nach circa einem halben Jahr veränderte sich meine Hündin radikal. Von dem scheuen Hund unter dem Bett, der sich bei Besuch oder auf Spaziergängen hinter mir versteckte, hatte ich auf einmal einen Hund der knurrte und bellte. Besuch der nur für eine Minute den Raum verließ wurde mit knurren und bellen wieder in Empfang genommen. Nachts stand sie bei den kleinsten Geräuschen auf, lief unruhig durch die Wohnung und bellte. Bei einem Yorkshire Terrier fühlen sich die Menschen nicht bedroht, aber stell dir einmal vor sie wäre ein Labrador gewesen, dann hätten die Menschen natürlich ganz anders auf sie reagiert. Zu unserem Glück, war sie klein. Das „Komm Kommando“ habe ich sehr intensiv mit ihr trainiert und es lief auch richtig gut, aber gerade in Gefahrensituationen, wenn sie wusste irgendetwas stimmt nicht, dann bewegte sie sich gar nicht und anstatt zu mir zu kommen fasste sie selber eine Entscheidung wie auf die Gefahrensituation zu reagieren ist. Meistens mit weglaufen. Sie rannte mit ihrem Knochen vor mir weg, anstatt wie früher in fallen zu lassen und auf Spaziergängen lief sie vor mir und wollte den Weg bestimmen.

Dann hörte ich zum ersten Mal von Cesar Millan, der von vielen Hundetrainern kontrovers diskutiert wird. Cesar Millan sprach Dinge an die auf Hottes Verhalten zutrafen. Auf einmal gab es für mich ganz logische Erklärungen für ihr Verhalten kurz nach dem ich sie bekommen hatte und warum sich ihr Verhalten so radikal geändert hatte. Ich erkannte also, dass ich Hotte in die Position des Rudelführers gedrängt hatte, weil ich schlichtweg als Rudelführer versagt hatte. Ich habe nicht bestimmt wo es lang geht, ich habe sie nicht vor Fremden beschützt oder auf die Rechte bestanden auf die ein Rudelführer bestehen würde und deswegen hat sie angefangen den Job für mich zu übernehmen.

Ich als Rudelführer 

Nach dem ich Cesar Millans zustimmte, wollte ich überprüfen ob es sich auch in der Praxis bewahrheitet. Hotte war perfekt dafür, denn sie wuchs nicht mit Menschen auf und hatte deshalb ein viel natürlicheres Verhalten. Probehalber machte ich Hundefutter in zwei Näpfe und gab es meinem Hund, der auf der Straße groß geworden ist und dem Hund meiner Tante der seit Welpenalter bei uns war. Ich kniete vor den Näpfen hielt meine Hand über den Napf von dem Hund meiner Tante und sagte „tsch“. Nichts passierte. Der Hund meiner Tante stubste seine Nase unter meine Hand und fraß weiter. Dann tat ich genau das gleiche bei meinem Hund. Ich streckte meine Hand aus und machte ein vorsichtiges „tsch“ Geräusch. Sofort guckte sie mich an. Kein erschrockener oder ängstlicher Blick, sondern ein verwunderter, neugieriger Blick.  Sie drehte sich um, ging circa ½ Meter Rückwärts, drehte sich zu mir und setzte sich hin und schaute mich weiterhin neugierig und mit aufgestellten Ohren an. Es war so als hätte ich das erste Mal ihre Sprache gesprochen.

Von da an ging es nur noch bergauf. Ich achtete darauf zuerst durch die Tür zu gehen, so wie sie es mir damals auch angeboten hatte und blockierte den Hunden den Weg zu meinem Hund wenn sie angerannt kamen und lies sie erst durch wenn sie ruhig und höflich waren. Ich tat also meinen Job als Rudelführer. Dadurch das ich ihr vermittelte, dass ich entscheide wo wir lang gehen, ich als erstes durch die Tür gehe um nach Gefahren zu schauen, ich Hunde und auch Menschen von ihr fernhalte, gab ich ihr endlich das Gefühl von Sicherheit. Wenn jemand klingelte bellte sie, sobald ich zur Tür kam hörte sie auf. Personen konnten den Raum betreten und verlassen, ohne das sie knurrte und der Knochen wurde auch wieder freiwillig abgegeben, wenn ich ihn haben wollte. Sie war um einiges entspannter und nicht mehr in konstanter Alarmbereitschaft. Das Hundebett in der Küche, im Schlaf- und Wohnzimmer wurde so positioniert, dass jeder der eintrat erst an mir vorbeimusste um zu dem Hundebett zu gelangen. Von einer Nacht auf der anderen schlief mein Hund durch, ohne nächtliches aufstehen, knurren und bellen. 

Das ist Führung 

Führung ist Sicherheit geben, eine Konstanze zu sein, an der sich dein Hund orientieren kann. Die Führungsposition einzunehmen bedeutet Sicherheit zu schaffen, für deinen Hund und für deine Mitmenschen. Wenn die Führungsperson nicht eingenommen wird, zwingt man einen Hund – auch wenn er sich gar nicht dazu eignet- in eine Rolle hinein. Mein Hund war kein dominanter Hund und trotzdem habe ich ihr die Führungsrolle übergeben, mit der sie gestresst und maßlos überfordert war. Ich musste also nicht an meinem AUS Kommando arbeiten, wenn sie jemanden wieder anknurrte oder das KOMM Kommando mehr trainieren, wenn sie wieder ihre eigene Entscheidung traf. Ich musste nur darauf achten, dass sie mich als Rudelführer ansah, dadurch dass ich vor ihr stehe, wenn sie Angst vor einer fremden Person oder Hund hatte, dass ich als erstes durch die Tür gehe und andere Entscheidungen traf. Nachdem diese Positionen geklärt waren, kam sie auch auf Ruf bei Gefahrensituationen.

Das „Komm“ mit Leckerlis zu trainieren ist richtig, sicher abrufen kann man es aber nur wenn der Hund dem Herrchen bedingungslos folgt und nicht andersherum. Wenn du deinen Hund 90% der Zeit Chef sein lässt, dann darfst du dich nicht wundern, wenn er auch die restliche Zeit nicht auf dich hört. Die meisten Hunde sind glücklich, wenn sie einfach folgen dürfen. Sie sind erleichtert, wenn du die Führung übernimmst und sie sich entspannen können, weil du dich um alles kümmerst. 

Heute habe ich einen dominanten American Pit Bull Terrier Mix und eine Mastin Hündin um die ich mich kümmere. Es ist interessant zu erkennen und zu beobachten, wie die beiden die gleichen Verhaltensregeln untereinander anwenden.  

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